Grauheit mit einem farbenfrohen Klecks

Es war ein Tag wie jeder andere. Der Himmel war genauso grau, wie die Erde, die Mauern um uns herum. Alles war grau, nur ihre Uniformen waren braun oder schwarz. Man sollte meinen in dieser ganzen Grauheit wäre das ein farbenfroher Klecks, doch es stand nur für den Tot, das Sterben. Sie anzustarren war genauso falsch wie wegzusehen. Mit ihnen Reden war sträflich, genauso wie ihnen nicht antworten. Dein Leben war nichts wert, aber arbeiten solltest du, für sie und vielleicht auch für dein Überleben. Arbeit macht frei.

Jeden Tag ging ich zu einem Bauer. Ich hatte zu arbeiten. Egal ob ich konnte oder wollte. Ich musste. Dort bekam ich von der Frau des Bauern eine gekochte Kartoffel, die ich schnell hinunterschlingen musste, bevor ihr Mann kam. Jeden Morgen bis spät in der Nacht war ich dort, um ihnen widerwillig zu helfen. Ich stahl, obwohl ich Essen von ihnen bekam, aber ich musste meinen Kameraden helfen, musste ihnen wenigstens eine Kartoffel oder Brot mitbringen. Anfangs konnte ich sie noch im Schuh ins Lager bringen, doch dann eines Tages haben die mich fast erwischt.

Einer von diesen Deutschen hatte mich gestoppt und ich sollte mich nackt ausziehen. Zum Glück kam ein anderer Deutscher und meinte, sie hätten dafür keine Zeit, sie müssten jetzt eine neue Ladung Menschen hineinbringen. Vom Bahnhof sollten sie den langen Weg hinaufgehen – so wie ich, tagtäglich. Ich hatte also noch einen Tag zu leben und ging hinein zu meinen Kameraden und brachte ihnen meine Beute. Seit dem Tag musste ich mir etwas Neues einfallen lassen. Erst brachte ich nichts mehr mit ins Lager, doch mir fiel etwas Anderes ein. Es würde meinen Leidensgenossen nicht gefallen, aber wir brauchten Essen.

Eines Tages stopfte ich mir Steine in die Schuhe und das Essen in die Unterhose. Da würde hoffentlich keiner hineinschauen. Also kam ich an jenem Tag, mit meiner neuen Idee, gerade den Weg hinauf, ich humpelte mehr, als dass ich ging, dann stoppte mich plötzlich der gleiche Deutsche wie damals. Ich solle meine Schuhe ausziehen, sagte er. Natürlich machte ich genau das, was er mir befohlen hatte. Was hätte ich denn auch machen sollen mit einem Gewährlauf an meiner Stirn? Ihm etwas vortanzen? Die Hymne meines geliebten Landes vorsingen? Der hätte mich wahrscheinlich an Ort und Stelle ausgelacht und erschossen.

Ich zog meine Schuhe aus und er sah, dass ich Steine drinnen hatte. Er fragte wieso. Ich log und meinte, es wäre die Strafe des Bauern, weil ich seine Frau angesehen hatte. Immerhin war ich doch ein slawisches Schwein, die machten sich doch an die guten deutschen Frauen heran, nicht wahr? Er lachte mich aus und befahl mir, weil er diese Bestrafung lustig fand, mir weitere Steine hinein zu machen und weiter zu gehen. Seitdem schauten die Soldaten nicht mehr, was ich in meinen Schuhen hatte, und ich konnte somit mehr Essen für meine Kameraden stehlen.

Ob ich heute noch lebe? Nein, aber damals habe ich überlebt.

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